Stahlkronen beim Gebrauchshund

Das Überkronen von Zähnen
Im Gegenteil zu dem in Kapitel "Hundegebiss" abgebildeten "Ideal"-Gebiss eines Hundes (Grafik 1), hier die Zeichnung des zur Behandlung vorgestellten Hundes. Man erkennt die abgenutzten Eckzähne und die abgenutzten Reiß- und Schneidezähne.
Die Eckzähne oben sind noch gerade so von Substanz, dass die Überkronung gelingen kann. Bei den unteren Eckzähnen ist sie fast zu spät. Bei Ben ist die Situation so, dass der rechte untere Zahn-
stummel kürzer ist als der Stummel auf der linken Seite ist und so wird das Durchbohren schwierig.
In einer ersten Sitzung unter Vollnarkose werden
alle Zähne und Plomben nachkontrolliert. Nur die Eckzähne müssen devitalisiert werden. Die alten Plomben müssen entfernt und der Nerv gezogen werden.
Der Nerv wird gezogen, Extraktion
Die Wurzel wird apikal wurzelbehandelt und gefüllt, um eine kompakte Aufnahme des Bolzen zu erreichen. Nun muss 3-4 Wochen abgewartet werden, ob die Zähne so erhalten bleiben und um sicher zu gehen, dass sich keine Entzündungen bilden. Ein Schutzdiensttraining in der Zwischenzeit ist möglich, sollte aber nicht übertrieben werden. In der nächsten Sitzung, vorausgesetzt es haben sich keine Kompli-
kationen eingestellt, werden die Eckzähne unter Vollnarkose zylindrisch / zirkulär abgeschliffen (Grafik A u. B).
Noch unter Vollnarkose muss für den Zahntechniker ein Detail und ein Vollgebiss Silikonabdruck gefertigt werden, damit ein perfektes modellieren der Kronen möglich ist.
Schutzdiensttraining, Knochen nagen und alles, was die Form des Schliffes verändern könnte ist bis zur nächsten Sitzung tabu, um Abweichungen zum Modell zu vermeiden!
Die Negativformen für den Zahntechniker werden gemacht
Die Kronen müssen nun vom Zahntechniker ange-
fertigt werden, dürfen allerdings die Länge des verbliebenen Zahnstummel nicht übermessen. Die Kraft im Anbiss und die Hebelfunktion bei einem Sport- oder Diensthund würde bei einer überdimen-
sionierten Krone der Belastung nicht stand halten
und den Zahn vollständig beschädigen (Fraktur).
Modell des Zahntechnikers
Die Kronen, die vom Zahntechniker gefertigt werden (Grafik C) werden zur außenliegenden (bukkalen) Seite möglicht weit unten vorgebohrt (je nach dem durchschn. 2 - 3 mm). Der Hund wird abermals in Vollnarkose gelegt und das Überkronen beginnt. Die Krone wird über den Stummel gesetzt. Der Bohrer wird nun am vorgebohrten Loch angesetzt und der Zahn bis auf die gegenüberliegende Innenseite der Krone durchgebohrt. Stößt der Bohrer auf die gegenüber-
liegende innere Kronenwand ist diese damit markiert / angekörnt und kann nun an der präzisen Stelle außerhalb des Gebisses gänzlich durchbohrt werden. Mit einem Handbohrer, der konisch 1:50 (1 mm Umfangzuhnahme auf 50 mm Länge) zuläuft, wird nun die Krone und der Zahn nachgebohrt. Das Loch verläuft jetzt leicht konisch (Grafik D).

Passend zum Bohrwerkzeug gibt es die ebenfalls konisch gearbeiteten Bolzen. Ein passender Bolzen wird ausgesucht.
Dental Werkzeug der Firma Heiland nach Dr.Dr.P.Fahrenkrug
Die Krone wird jetzt nochmals abgenommen, mit Zement ausgestrichen und wieder auf den Zahn gesetzt. Der Bolzen wird durch das ebenfalls mit Zement eingestrichene Loch geschoben und mittels eines Ferrozellhammers fest durch den Zahn und
die Kronen geschlagen (Grafik E), bis er durch
seine konische Form bedingt fest sitzt.
Zementieren
Die überschüssigen Bolzenteile links und rechts
des Zahnes werden mit dem Diamantbohrer oder der Trennscheibe abgesetzt und minimal über-
hängend verschliffen. Die Krone sitzt fest.
Bolzen, Canini Oberkiefer Abgesetzte und verschliffene Bolzen
Die Überkronung bei diesem Hund kann man in der Sache als Erfolg beurteilen. Der optimale Zeitpunkt allerdings war schon überschritten, um alle 4 Canini zu retten. Natürlich gibt es weitere Methoden, selbst noch aus einem Restfragment einen Fangzahn zu rekonstruieren. Jedoch ist die Haltbarkeit im SD bei anderen Methoden sehr genau zu prüfen.
Als Sporthund hat dieser Rüde nun wieder gute Voraussetzungen. Dennoch muss man bedenken, dass die Fangzähne nur einen Teil der Wucht und Kraft abfangen können und gut ausgeprägte Reiß-
zähne (P4 und M1) ebenso von Bedeutung sind.
Wie schon erwähnt, wies der eine Zahnstummel des rechten Canini bei Ben sehr wenig Substanz auf. Trotzdem wurde der Versuch unternommen, auch diesen zu überkronen, jedoch brach, wie erwartet,
das obere Teil über dem Lochdurchmesser mangels Substanz beim Bohren weg. Die Krone wurde trotz-
dem aufgesetzt und verbolzt. Es war aber klar, dass diese Krone nur wenig Chancen hat. Im Training, nach dem ersten postoperativen Überfall aus dem Rückentransport brach der Rest des Zahnes, der Bolzen lockerte sich und die Krone steckte im SDÄrmel. Dies erforderte nochmals einen Eingriff unter Narkose, um die Zahnreste zu schleifen und
die Plombierung zu kontrollieren.
Wie nun ersichtlich wird, müssen zum Abwägen der Möglichkeiten bei der Entscheidungsfindung be-
stimmte Voraussetzungen optimal gelagert sein,
um einen gelungenen Eingriff zu ermöglichen. Die 3 verbliebenen Zähne waren aber ohne Probleme zu überkronen. Hier wird das zu Beginn angesprochene Dilemma deutlich in dem sich ein Hundesportler befindet um eine Entscheidung im richtigen Moment zu treffen.
Ob es nun sinnig oder unsinnig ist, dem Hund Stahlkronen zu verpassen oder nicht, liegt im Verantwortungsbereich des Hundeführers. Der Einsatzbereich ist ein weiterer Aspekt.
Diensthunden oder jungen vielversprechenden und erfolgreichen Sporthunden, die eine aufwendige oder gar kostenintensive Ausbildung genießen, wird auf diese Art und Weise der Zahnüberkronung eine längere Einsatzzeit gesichert.
Ben war übrigens einer von mehreren Probanden die dazu beitrugen, dem letzt benannten Tierarzt ein Stückchen auf dem Weg zu begleiten, neben Dr. med. vet. auch den Zusatztitel der Zahnheilkunde (med. dent.) zu erringen.
Natürlich gibt es vielzählige andere Verfahren im Bereich der Zahnheilkunde und Oorthopädie. Hierbei sollte bedacht werden, dass man sich auf jeden Fall erst kundig machen sollte, bevor eine Entscheidung getroffen wird - auch im Sinne seines Tieres.

Obwohl es dem Hund wieder sichtlich Spaß macht, mit seinen neuen Fangzähnen einzusteigen, bleibt dem Hundeführer immer das gemischte Gefühl im Bauch – halten die Zähne oder ...! Die Kronen halten seit Mai 2002 den wöchentlichen Trainingsanforderungen stand. Die bereits nervlichen Unsicherheiten aus der Vor-Kronenzeit hat sich in die Arbeitsweise des Hundes (und des HFís) manifestiert und wird jetzt wieder "austrainiert" – ob das allerdings gelingen wird ist ein ganz anderes Thema. Der vorgestellte Hund ist heute 6 Jahre alt, hat 5 plombierte Zähne und drei überkronte Fangzähne. Nach einer durch viel Trainingsrückstand durchwachsenen Frühjahrs- und Sommersaison mit dürftigen Ergebnissen bei der Quali und einer verpatzten LSP, hat er im Herbst noch zwei schöne Herbstprüfungen (C96) absolviert.
Für Erfahrungen im Bereich der vorgestellten Methode bei Dienst- und Sporthunden sind im Norden Herr Dr. P. Fahrenkrug zu nennen, im Raum Koblenz ist Herr Dr. Korthäuer engagiert, der bereits ein neues Verfahren entwickelt hat, das gerade aus der Probephase kommt (htp://diensthundepraxis.bei.t-online.de) und im Süden kann Herr Dr. Willuhn angesprochen werden.
Stahlkronen beim Gebrauchshund

Quellennachweis:

Dr. med. vet. J. Willuhn, Gaggenau-Hörden,
Fotos, Praxiswissen

Dr. Dr. P. Fahrenkrug, Seminarunterlagen; Krankheiten der Zähne und des Kiefers

Heiland, Firma, Dokumentation „Querverbolzung von Caninuskronen beim Hund“, Dentalwerkzeug

OFV Dr. Korthäuer, htp://diensthundepraxis.bei.t-online.de

Matthias Storch, Zahnarzt, Fotos

Manuela Metzler, Grafik und Text
Ben von der Zarge mit dem Schutzdiensthelfer Jürgen Mayrerer
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